Heidelberg und die Anti-Sklaverei-Bewegung im 19. Jahrhundert

i-pennington
Bildquelle: wikimedia commons

Nur ein paar Gehminuten vom Universitätsplatz, direkt in der Hauptstraße, befindet sich das Heidelberg Center for American Studies (HCA) der Universität Heidelberg. Hier macht der Stadtrundgang halt, weil das HCA gemeinsam mit der Theologischen Fakultät seit 2011 den James W.C. Pennington Award an Wissenschaftler*innen verleiht, die zu afroamerikanischer Geschichte forschen. Der Preis soll an James Pennington erinnern, dem die Universität Heidelberg 1849 die Ehrendoktorwürde verlieh.[1]

James Pennington war damit der erste Afroamerikaner, dem die Universität diese Ehre erwies. Noch außergewöhnlicher aber war, dass Pennington ein ehemaliger Sklave war. Er erhielt die Doktorwürde zu einer Zeit, als im Süden der USA die Sklaverei legal war und die vermeintliche intellektuelle Unterlegenheit Schwarzer Amerikaner*innen als Teil der rassistischen Ideologie der Sklaverei propagiert wurde, um deren Unterdrückung und Ausbeutung zu rechtfertigen. Pennington hatte das brutale System der Sklaverei am eigenen Leib erfahren.[2] Er wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Maryland, im Süden der USA, in die Sklaverei geboren.

Mit achtzehn Jahren gelang ihm die Flucht in den Norden, wo die Sklaverei verboten war und er seine Schulbildung nachholte. Nach seiner Flucht in die Freiheit musste Pennington immer wieder gegen Diskriminierung und Rassismus kämpfen. Dennoch gelang es ihm, durchzusetzen, dass die Yale University ihn als ersten Afroamerikaner zum Studium zuließ. Nach seinem Studium engagierte sich Pennington wie viele (freie) afroamerikanische Intellektuelle in der Presbyterianischen Kirche, wurde Pfarrer und reiste unter anderem 1849 als Vertreter der amerikanischen Anti-Sklaverei-Bewegung zu einem Kongress der Internationalen Friedensbewegung in Paris.

Bei diesem Kongress traf Pennington auf den Philosophen Friedrich Wilhelm Carové, der hier in Heidelberg an der Theologischen Fakultät lehrte. Carové war schon während seines Studiums in Heidelberg aufgefallen, weil er sich gegen Antisemitismus einsetzte. Später freundete sich Carové mit den Gebrüdern Grimm an und war in der deutschen 1848er Revolution ein Streiter für Liberalismus und Demokratie. Carové trat auch als Humanist in Erscheinung, sprach sich immer wieder für allgemeine Menschenrechte und gegen Rassismus aus und arbeitete gemeinsam mit Jacob Grimm an einer Proklamation gegen die Sklaverei.[3] Nach der Konferenz kehrte Carové nach Heidelberg zurück und überzeugte die Theologische Fakultät erfolgreich davon, Pennington die Ehrendoktorwürde zu verleihen.

Pennington war sich der historischen Bedeutung seiner Heidelberger Promotion sehr bewusst. In einem Brief, der in einer englischen Zeitung veröffentlicht wurde, schrieb er, dass er die Doktorwürde vor allem angenommen habe, weil er in ihr eine Ehrung aller Schwarzen weltweit sah.[4]

Das HCA, Hauptstraße 120

Aus der Geschichte von Pennington und Carové können wir drei wichtige Schlüsse ziehen. Erstens zeigt eine Biographie wie die von Pennington, dass Betroffene sich auch im Kontext von Rassismus und Diskriminierung Handlungsräume erkämpfen konnten und dies auch aktiv taten. Sie waren also keineswegs nur „passive Opfer“. Zweitens markiert Penningtons Ehrenpromotion eine Öffnung der Universität Heidelberg für außer-Europäische und nicht-Weiße Akademiker*innen. Und drittens wirft die Episode ein Schlaglicht auf Carové und damit stellvertretend auf Denker, die Gegen-Ideologien zu Rassismus und Kolonialismus vertraten.

Tatjana Eichert

___________________

[1] Homepage des James W.C. Pennington Awards, online unter http://hca.uni-hd.de/forschung/pennington.html.
Mehr zu Pennington bei Herman E. Thomas, James W. C. Pennington: African American Churchman and Abolitionist, New York: Garland Publishing, 1995 und bei Christopher L. Webber, American to the Backbone: The Life of James W.C. Pennington, the Fugitive Slave Who Became One of the First Black Abolitionists, New York: Doubleday, 2011. Außerdem bei Mischa Honeck, „Liberating Sojourns? African American Travelers in Mid-Nineteenth-Century Germany.“ In: Germany and the Black Diaspora: Points of Contact, 1250-1914. Hrsg. v. Mischa Honeck, Martin Klimke und Anne Kuhlmann. New York: Berghahn Books, 2013, S.153-168.

[2] Pennington schrieb über diese Erfahrungen in seiner Autobiographie The Fugitive Blacksmith or Events in the History of James W. C. Pennington, London: Charles Gilpin, 1849.

[3] Schmidt, Hartmut: „‚Kein Deutscher darf einen Sclaven halten‘.  Jacob Grimm und Friedrich Wilhelm Carové.“ In: Bedeutungen und Ideen in Sprachen und Texten. Hrsg. v. Werner Neumann und Bärbel Techtmeier, Berlin: Akademie-Verlag, 1987.

[4] „Abolitionist and Former Slave Honored by Heidelberg University.“ German Missions in the United States. Online unter www.germany.info/Vertretung/usa/en/06__Foreign__Policy__State/01__Ger__US/00/Pennington__Heidelberg.html.