• Kolonialgeschichte als Herausforderung für deutsche Museen

    Kolonialgeschichte als Herausforderung für deutsche Museen.

    Repräsentant*innen der namibischen Gruppen der Herero und Nama haben Anfang dieses Jahres eine Sammelklage in den USA gegen den deutschen Staat eingereicht. Die Klage, Reaktion auf die jahrelange Verschleppung des Themas auf deutscher Seite, ist nicht das einzige, aber für Deutschland derzeit folgenreichste Beispiel für Bewegungen aus ehemals kolonisierten Ländern, die sich aktiv mit unserer gemeinsamen kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen. Als emblematisch für die bisherige Haltung deutscher Institutionen kann demgegenüber der Kommentar des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, vom November 2016 gelten. Er nannte tausende menschliche Überreste aus der Kolonialzeit im Stiftungsdepot „Dinge“, die er „schlicht und ergreifend nicht in unseren Sammlungen haben“ wolle.

    Zwei große deutsche Museen, das Deutsche Historische Museum (DHM) Berlin und das Landesmuseum Hannover, versuchen jetzt den Kurswechsel: Sie diskutieren selbstkritisch die deutsche Kolonialgeschichte und die Geschichte ihrer eigenen Sammlungen. Die Ausstellungen sind längst überfällig: Während die deutschsprachige Geschichtsforschung sich seit 20 Jahren vermehrt dieser Themen annimmt, ist die deutsche Kolonialgeschichte in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit bisher noch kaum präsent. Damit stellen die Ausstellungen schon jetzt einen Wendepunkt dar. Deutsche Institutionen, allen voran das DHM als wichtigste geschichtspolitische Instanz, können das Geschichtsbild von einem kurzen und nicht besonders relevanten deutschen Kolonialismus nicht mehr länger aufrechterhalten.

    Die Macher*innen der Berliner Ausstellung präsentieren unter dem Titel „Deutscher Kolonialismus“ einen chronologischen Überblick über den Stand der deutschen und europäischen Forschung zur deutschen Kolonialgeschichte.

    Die Berliner Ausstellung verspricht eine Reflexion der deutschen Kolonialgeschichte – hauptsächlich auf Basis von Objekten aus deutschen Archiven. Denn die Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte, so der Einleitungstext, leide an der Abwesenheit von historischen Quellen aus der Perspektive der „Kolonisierten“. Doch ist dem so? Bereits der dritte Ausstellungsraum „Aushandlungen im kolonialen Alltag“ präsentiert zahlreiche Selbstzeugnisse aus den Kolonien: Missionsschüler aus Togo dokumentierten Schikanen von Seiten der Missionsgesellschaft detailliert in Briefen. Sogenannte „Kolonfiguren“ von afrikanischen Kunstschaffenden stellen Europäer in Posen und Bekleidungen dar, die aus Sicht der Bevölkerung in den Kolonien „typisch europäisch“ waren. Die Zeitschrift des Mpundu Akwa, mit der er deutsch-kamerunische Verständigung fördern wollte, aber auch Lieder und Gedichte von Soldaten aus französischen und britischen Kolonien in deutschen Kriegsgefangenenlagern zeigen subtile Kritik. Hier wiederspricht sich die Ausstellung selbst: Quellen, die Stimmen von Menschen aus den Kolonien dokumentieren, existieren zahlreich und zwar nicht nur in afrikanischen und asiatischen Archiven, sondern auch in hiesigen. Warum dann der Verweis auf fehlende schriftliche Zeugnisse von Menschen aus den kolonisierten Ländern? Ließe sich doch auf deren Basis ein wesentlich komplexeres Bild der Ideen, Handlungen und Netzwerke lokaler Akteur*innen und des von Region zu Region unterschiedlichen Alltags zwischen „Kolonisatoren“ und „Kolonisierten“ und darüber hinaus rekonstruieren. Dadurch könnte Kolonialgeschichte, wie es aktuelle geschichtswissenschaftliche Debatten fordern, als „geteilte Geschichte“ anschaulich werden.

    Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine weitere Leerstelle: dem Blick auf die Kolonien vor der Zeit der deutschen Kolonialverwaltungen. So setzt die Ausstellung auf problematische Weise koloniale Vorstellungen dieser Länder als Gesellschaften „ohne Geschichte“ fort. Denn während der erste Raum der Ausstellung eine europäische „Vorgeschichte“ der deutschen Kolonialpolitik erzählt, bleibt die Geschichte der angeeigneten Kolonien vor der deutschen Präsenz und die komplexen vorkolonialen transatlantischen, transpazifischen und transsaharischen Netzwerke außerhalb Europas nur eine Fußnote. Als Ausnahme steht der ehemalige Sklave Jacob Elisa Capitein, der in den Niederlanden die Universität besuchte, dessen ambivalente Biographie als schwarzer Befürworter von Sklaverei jedoch einseitig aus einer kolonialdiskursiven Perspektive betrachtet wird.

    Diese Leerstelle dehnt sich auch auf die außereuropäische Geschichtswissenschaft und ihre Auseinandersetzung mit Kolonialismus aus. So verpasst die Ausstellung die Chance, Erinnerungen und Forschungen aus den unterschiedlichen Regionen des früheren deutschen Kolonialreichs in der Ausstellung gleichwertig Raum zu geben. Mit dem Ende der formalen Kolonialverwaltungen 1919 verschwinden so die als Kolonien beanspruchten Länder wieder aus dem Blickfeld der Ausstellung. Der deutsche Umgang mit der Kolonialvergangenheit bis in die Gegenwart wird kritisch reflektiert; wir erfahren aber kaum etwas über die Nachwirkungen in afrikanischen und asiatischen Gesellschaften, die den deutschen Kolonialismus erfuhren, ertrugen und mitprägten. Damit verharren die Ausstellungsmacher*innen in einem Dialog mit der deutschen Gesellschaft über sich selbst, anstatt den Austausch zu suchen: Afrikaner*innen und die Nachfolgestaaten der früheren Kolonien werden auf die Rolle von Opfern des Fortdauerns kolonialer Muster reduziert.

    Das Plädoyer für mehr Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit in der Erzählung der Kolonialgeschichte lässt sich auch in Hinblick auf die Hannoveraner Ausstellung „Heikles Erbe“ formulieren. Diese offenbart die wichtige Einsicht, dass Kolonialgeschichte für viele deutsche Museen mehr als ein Ausstellungsthema ist: Insbesondere ethnologische Museen reagieren auf postkoloniale Kritik und Forderungen Schwarzer Bürgerrechtsbewegungen. Sie müssen sich der unbequemen Frage stellen, inwiefern der Erwerb ihrer Exponate auf koloniale Situationen zurückzuführen, teilweise sogar als Raub zu betrachten ist. Mit der Ausstellung signalisiert das Landesmuseum den Startpunkt einer intensivierten Auseinandersetzung mit der Geschichte eines Teiles seiner außereuropäischen Sammlungen. Die Ausstellung nähert sich über die Biographien von Kolonialbeamten, Militärs und Kaufleuten an, deren „Sammelobjekte“ an das Museum übergingen und zeigt Wege auf, deren Herkunft zu rekonstruieren. Dass die historische Kontextualisierung von Erwerb, Herstellungs- und Gebrauchskontext einzelner Objekte nur in seltenen Fällen eindeutig gelingt, räumen die Ausstellungsverantwortlichen selbst ein. Sie verweisen auf die Möglichkeit, „idealerweise“ Nachfahren aus dem ursprünglichen Objektkontext in den ehemaligen Kolonien in den Rechercheprozess miteinzubeziehen. Dass dies einem großen Museum bisher nicht gelungen ist, zeigt, dass deutsche Kulturinstitutionen zwar internationale Kooperationen pflegen, jedoch bisher zu einseitig mit europäischen und „westlichen“ Partnern. Kontakte zu kulturellen Akteuren in den Staaten Afrikas und Asiens, aus denen ihre Objekte stammen, haben deutsche Museen bisher vernachlässigt.

    Dieses Desiderat einer kooperativen Herangehensweise legt eine größere Problematik offen. Wer postkoloniale Kritik als eine auf die Gegenwart bezogene Machtkritik ernst nimmt, darf nicht bei der einseitigen Erforschung und Präsentation der eigenen kolonialen Bezüge stehenbleiben. Wenn wir eine  Reproduktion einseitiger europäischer Deutungsmacht über die Kolonialgeschichte umgehen wollen, müssen wir einen dialogischen Prozess mit allen von der Kolonialgeschichte und ihren Nachwirkungen Betroffenen beginnen. Kolonialismus muss als „geteilte Geschichte“ unter ungleichen Vorzeichen begriffen werden, die eine gemeinsame Aufarbeitung bei einem gleichzeitigen Bruch mit Asymmetrie unerlässlich macht. Dies schließt eine multilaterale Zusammenarbeit bei der Provenienzklärung ein, die in eine offene Diskussion über die Zukunft der Objekte und Ausstellungspraxis mündet. Mögliche Restitutionsverhandlungen müssen ebenso am Ende dieser Diskussion stehen können wie gemeinsame Ausstellungsprojekte oder der Verleih von Exponaten an afrikanische und asiatische Institutionen – entgegen häufig artikulierter Bedenken hinsichtlich infrastruktureller Hindernisse. Die Bewertung und Repräsentation unserer kolonialen Verflechtungsgeschichte darf sich nicht unilateral an hiesigen Paradigmen und Sichtweisen orientieren.

    Der Aufbau eines gemeinsamen Erinnerns würde bedeuten, die Perspektiven von Forscher*innen und Museumskurator*innen aus ehemaligen deutschen Kolonien stärker in Ausstellungkonzeptionen zu integrieren. Es würde bedeuten, die Geschichte des Objekterwerbs als eine gemeinsame Geschichte des kulturellen Austausches, globalen Handels oder auch Objektverlustes aus Sicht der Menschen ihrer Herkunftsregionen hinzuzufügen. Im dialogischen Gespräch können diese Objekte Fragmente der vielschichtigen gemeinsamen Geschichte erzählen, anstatt als Beispiele für vermeintlich exotische Kulturen „völkerkundliche“ Sammlungen zu konstituieren.

    Die Ausstellung „Heikles Erbe“ thematisiert diese Dimension zwar, löst die Anforderungen, die sich daraus an Ausstellungskonzepte stellen, jedoch nicht konsequent ein. So werden die Besucher*innen zwar mit postkolonialen Blickwinkeln konfrontiert, jedoch primär in Form einer Postcolonial Art-Galerie von Künstler*innen aus Hawai’i, durch die der Fokus von Deutschland auf die USA in der Rolle der Kolonisierenden gelenkt wird. Eine grundlegende Umkehr und Erweiterung der Erzählperspektive im Ausstellungsteil zur deutschen Kolonialgeschichte bleiben die Kurator*innen schuldig. Der wichtige Beitrag von Bianca Baumann und Alexis von Poser im Ausstellungskatalog, der Potenziale postkolonialer Ausstellungspraktiken aufzeigt, bleibt eine Zukunftsvision, auf deren Einlösung gespannt zu warten ist. In Hannover, Berlin und anderswo.

    Das Fehlen der Perspektiven von historischen Akteuren in den ehemaligen deutschen Kolonien, Quellen und Analysen von Wissenschaftler*innen aus den ehemaligen Kolonien kann auch nicht den Museen allein zum Vorwurf gemacht werden. Denn sie greifen auf den Stand der Forschung in Deutschland bzw. Europa zurück. Es ist immer noch eine akzeptierte Praxis in der kolonialgeschichtlichen Forschung, dass europäische Historiker*innen und Wissenschaftler*innen auf der Basis europäischer bzw. „westlicher“ Forschungsliteratur ihre Qualifikationsarbeiten schreiben. Es scheint legitim, auf Forschungsreisen in den Ländern der ehemaligen Kolonien Quellen und Material suchen, weniger den Austausch mit Wissenschaftler*innen. Wirklicher Austausch und wechselseitiges Lernen, das gemeinsame Reflektieren von Denkkategorien findet bisher leider noch viel zu selten statt. Dafür bräuchte es viel mehr langfristige Kooperationen, um belastbare Beziehungen zwischen Wissenschaftler*innen und auch Institutionen aufzubauen und gemeinsame Forschungsprojekte, die sich aus beiden Wissenstraditionen speisen. Dies benötigt transkulturelle Offenheit aller Beteiligten sowie die Bereitschaft, von der Kritik der Kooperationspartner*innen lernen zu wollen. Ein gegenseitiger Austausch würde dann im Umkehrschluss auch bedeuten, dass gesprächswillige Vertreter*innen aus den Ländern der einstigen Kolonien keine US-amerikanischen Gerichte aufsuchen müssen, um Gehör und Wiedergutmachung für ihre Forderungen zu erhalten.

     

    Caroline Authaler, Danijel Cubelic, Carolin Liebisch